Objektiv: Arschloch

Irrtum sei Dank

Sehr viele schlaue Philosophen haben sich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden viele schlaue Gedanken über die Welt gemacht. "Leider" lässt sich praktisch jeder Gedanke und jede Behauptung durch ein Gegenargument anzweifeln. So sind im Laufe der Jahrtausende viele philosophische Strömungen (mit ihrem dazu passenden Guru) und die jeweilige Gegenströmung (ebenfalls mit ihrem dazu passenden Guru) entstanden. Es existiert heute ein großes philosophisches Strömungsnetz. Der Autor Stephan Goldammer hat sich über viele Jahre und Jahrzehnte durch diese Strömungen gearbeitet und recherchiert. In alles mal reingeschaut, alles mal durchdacht und dann weitergezogen. Oft denkt man "jetzt habe ich es endlich verstanden", aber es wartet schon an der nächsten Ecke das Gegenbeispiel und das Gegenargument, und so schwimmt man wie ein Stück denkendes Treibholz weiter zum nächsten Argument.

Im Jahr 2000 war der Autor Stephan Goldammer als Zeitsoldat (Dienstgrad: OG UA MBL) auf einem Lehrgang in den USA, genauer in El Paso (Texas). In der dortigen amerikanischen Kaserne (Fort Bliss) gab es eine kleine Einheit deutscher Soldaten, die Lehrgänge für das Flugabwehrraketensystem HAWK durchführten. Der Ausbilder (Hauptfeldwebel) stellte erst sich und dann seine Regeln (an der Tafel) vor. Regel Nummer 1 war: Der Ausbilder hat immer recht. Regel Nummer 2 war: Hat der Ausbilder nicht recht, tritt automatisch Regel Nummer 1 in Kraft. War unsere Ausbilder etwa ein Philosoph? Vielleicht sogar ein Dogmatiker? Wusste unser Ausbilder, dass menschengemachte Regeln die lang gesuchte "Objektivität" sind?

In der Philosophie gibt es eine Währung und die lautet "gute Argumente". Damit wird bezahlt. Es gibt noch eine andere Währung und die lautet "gute Gegenargumente". Dazwischen liegt ein mehr oder weniger starker Wechselkurs. Gute Argumente bekommt man nicht spontan, sondern dadurch, dass man sich in einem sehr langen Prozess durch bereits bestehende Argumente durcharbeitet und darauf aufbauend gute Gegenargumente entwickelt. Dieses Hin und Her ist unser einziger Weg aus dem Fliegenglas, auch wenn wir (irgendwann) feststellen sollten, es gab gar kein Glas. Ähnlich wie der deutsche Zen-Meister Muhō Nölke in einem SRF-Interview im Jahr 2022 sagte: "Ich musste wahrscheinlich nach Japan gehen, um paradoxerweise zu erkennen, dass ich gar nicht nach Japan hätte gehen müssen."

Philosophie experimentiert mit Worten und Begriffen, in der Welt der Sprache. Wer hat ein gutes Gedankenexperiment und wer kann das Gedankenexperiment des anderen widerlegen? Gibt es ein festes Fundament oder nur subjektive Sandgruben? Gibt es eine objektive Wirklichkeit? Was ist Zeit? Gibt es unwiderlegbare Argumente, gegen die kein Zweifel möglich ist? Gibt es Kausalität oder erfinden wir Ursache und Wirkung nur? Gibt es die Welt auch ohne Menschen oder muss mindestens ein Mensch die Welt erdenken und beobachten? Leben wir in einer Matrix, die uns alles nur perfekt vorgaukelt? Ist absolute, objektive Wahrheit möglich oder gibt es nur subjektive, vom Menschen erdachte Wahrheit? Was kommt nach der Wahrheit? Was kann man als Beweis akzeptieren? Was genau ist Unendlichkeit? Existiert Gut und Böse in der realen Welt oder erfinden wir Gut und Böse nur? Was ist überhaupt die "reale Welt"? In welcher Richtung liegt die Wahrheit? Existiert der Irrtum schon immer oder erfinden wir ihn? Was schützt uns vor zukünftigen Paradoxien? Ist die Zukunft eine Folge der Vergangenheit? Wo ist der Speicherplatz für die ganzen Vergangenheiten? Darf man mehr behaupten als man sicher weiß? Gibt es die Naturgesetze wirklich? Darf man annehmen, dass sie für das ganze Universum gelten? Was tut man, wenn dabei Widersprüche auftauchen? Wie sieht die Welt vor den Augen aus? Ist Ethik wichtiger als Logik? Ist die (menschliche) Vorauswahl aus allen (unendlich vielen) möglichen Themen nicht schon der Zerstörer der sogenannten Objektivität?

Ich versuche nur starke, überraschende, interessante oder nicht leicht zu widerlegende Argumente zu liefern. Dazu möchte ich ein nicht-philosophisches Beispiel aus dem Sport bzw. Muskelaufbau wählen: Stellt euch vor, ihr wollt 10 kg Muskelmasse im Jahr aufbauen. Muskeln bestehen zu ca. 20 % aus Strukturgewebe, der Rest ist Wasser und Marzipan. Ihr braucht also 2 kg Eiweiß für das ganze Jahr. 2000 g Eiweiß durch 365 Tage, ergibt ca. 6 g Eiweiß pro Tag. Das ist so gut wie Nichts. Jedenfalls entspricht es nicht den üblichen Empfehlungen von ca. 100 g Eiweiß "obendrauf" am Tag. Wenn man die körpereigene Aufrechterhaltung nach WHO mit 80 g Eiweiß bei 100 kg Körpergewicht ansetzt, dann müsste man erklären, warum rein rechnerisch 6 g Mehr-Eiweiß ausreichen (also insgesamt 86 g), aber viel höhere Mengen empfohlen werden (zum Beispiel 80 g für Aufrechterhaltung nach WHO und noch 100 g Mehr-Eiweiß obendrauf für Muskelaufbau). Warum reichen 6 g "Obendrauf-Eiweiß" pro Tag aus (für den enormen Muskelmassezuwachs von 10 kg), während die Empfehlungen eher bei 100 g "Obendrauf-Eiweiß" liegen? Denn 100 g "Obendrauf-Eiweiß" pro Tag x 365 Tage ergeben ca. 180 kg Muskelmasse pro Jahr.

Ein weiteres Beispiel für ein gutes Argument ist das altgriechische Paradoxon vom 100 m Sprint zwischen der Schildkröte und Achilles, erdacht von Zenon von Elea. Die Schildkröte wird 10 m vor das Ziel gelegt, während Achilles die vollen 100 m sprinten muss. Obwohl Achilles viel schneller ist als die Schildkröte, holt er sie niemals ein! Denn wenn Achilles 90 m gelaufen ist, ist die Schildkröte bei 91 m. Wenn Achilles bei 91 m ist, ist die Schildkröte bei 91,1 m usw. Wo ist der Trick? Ein Mathematiker holt jetzt die unendliche Reihe heraus, aber die mathematische Lösung ist unbefriedigend, man will damit das Rätsel nicht als gelöst anerkennen. Der Trick und damit die Lösung ist folgender: Zenon zoomt als Erzähler jedes Mal in die Geschichte hinein, er lässt Achilles zwar bis zur Höhe der Schildkröte rennen, aber dann zoomt er in die Geschichte hinein und lässt die Schildkröte ein Stück vor. Er macht mit uns immer wieder eine Art "Mini-Hypnose". So bindet und fesselt er unseren Aufmerksamkeitsfokus und wir finden dadurch die Lösung nicht. Dies ist ein Beispiel, wo die rein mathematische Rechnung (unendliche Reihe) nicht besonders überzeugend ist und uns eher ratlos zurücklässt. Man kann in der Philosophie den gordischen Begriffe-Knoten immer durch eine Tat durchtrennen. Denn egal wie wir mit philosophischen Begriffen und Worten experimentieren, in der "realen Welt" wird Achilles die Schildkröte nach wenigen Sekunden überholen. Ich sehe es doch! (oder etwa nicht?)

Ein gutes Argument oder Gedankenexperiment ist nicht automatisch "richtig", aber es enthält oder führt zu neuen Erkenntnissen, es ist interessant genug, es ist nicht leicht zu widerlegen und man ist nach einer möglichen Lösung schlauer als vorher. Am besten verursacht ein gutes Argument oder ein gutes Gedankenexperiment einen Impuls, es unbedingt lösen zu wollen.

Mein Ich-1, Ich-2, Ich-3, Ich-X denken den ganzen Tag über alle möglichen Themen nach, recherchieren, gedankenexperimentieren oder realexperimentieren, und schreiben die Gedanken, Ergebnisse, Argumente, Ideen und den Humor auf, notieren ins Handy, auf diverse Zettel, auf die Festplatte, in diverse Dateien, in Favoriten-Linklisten usw. und es entsteht mit der Zeit ein Luhmannscher Zettelkasten, nur ohne Ordnung. Meine Website ist der Versuch diese Ordnung wiederherzustellen. Auch Schrift- oder Sprachnachrichten auf dem Smartphone bieten sich an, weil sie eine sehr wichtige Zeitverzögerung einbauen. Man kann anderen Menschen einen neuen Gedanken, eine neue Idee oder ein neues Argument schildern und der andere hat genügend Zeit zu antworten, vielleicht denkt er dann zwei Tage oder zwei Jahrzehnte nach, und antwortet erst, wenn die Antwort eine gewisse Reife und Qualität erreicht hat. So ergeben sich viel hochwertigere Antworten, als wenn man immer den sofortigen Antwortzwang hat, wie er im normalen mündlichen Gespräch üblich ist. Die Anzahl meiner Sprachnachrichten geht sicherlich schon in die Zehntausende. Manchmal habe ich die Angewohnheit, absichtlich etwas (noch) nicht wissen zu wollen. Denn wer etwas verstanden hat (Aha-Effekt), weiß irgendwann nicht mehr, wie es war, als er es noch nicht verstanden hatte. Soll heißen, der Mathematikprofessor kann deshalb Mathematik so schlecht erklären, weil er nicht mehr weiß, wie es war, als er es noch nicht verstanden hatte (z. B. als er selber Schüler und Student war). Er ist zu weit fortgeschritten. Daraus ist die Idee des Heureka-Tagebuchs entstanden.

"Heureka-Tagebuch" bedeutet, dass die Schüler und Studenten ihre (seltenen) Aha-Effekte in ein gemeinsames Buch schreiben und es an den nächsten Jahrgang weitergeben. Man schreibt auf, wie es war, als man es noch nicht verstanden hatte und wodurch man es endlich verstanden hat (den Aha-Effekt). Es gibt nur ein kurzes Zeitfenster für diesen Moment, bei dem man sich noch an beides erinnern kann (verstanden/nicht-verstanden), deshalb direkt aufschreiben. So können alle davon profitieren, auch die Lehrer und Dozenten, denn jedes "Verstanden haben" lässt dich immer weniger wissen, wie es war, als du es mal nicht verstanden hattest. Diese Heureka-Tagebuch-Idee spukt bereits seit 15 Jahren in meinem Kopf, ich werde demnächst einen ausführlichen Artikel dazu schreiben.

In meiner Abi-Abschlusszeitung (1998) habe ich das Motto gewählt "Ich weiß nich!", denn oft sagte ich dies zu den Lehrern. Dabei wusste ich "etwas", aber ich wollte viel lieber noch länger und intensiver über die Begriffe, die Zusammenhänge und die Welt nachdenken. Wirkliches Wissen braucht Zeit, viel Zeit. Es ist aber heute keine Zeit zum Nachdenken. Als Schüler, Lehrling und Student hast du vor allem auswendigzulernen und wiederzugeben. Langes Hinterfragen der Begriffe, Methoden, Strukturen ist nicht vorgesehen und muss privat geschehen. Wer an der Schule lange nachdenken oder diskutieren will, hat keine Chance, denn der Stoff schreitet unaufhaltsam voran, es wird nach Stoffvorgabe gelernt und wiedergegeben. Ernsthaftes, intensives, langes Nachdenken und Hinterfragen ist nicht möglich. In der Schule (und später auch) wollte ich erst dann eine Antwort geben, wenn ich sie vollumfänglichst durchdrungen und verstanden hatte. Oft sagte oder schrieb ich einfach gar nichts, ich wollte nicht durch "Auswendiglernen" glänzen. Irgendwann bin ich aber (notgedrungen) einen Kompromiss zwischen beiden Welten eingegangen.

Der Autor hat zwar ein Gehirn von der Größe eines Planeten, aber er ist trotzdem bescheiden geblieben (einer von euch!). Ich-1 bis Ich-X können dies vollumfänglichst bestätigen.

Auf der nächsten Seite (Philosophie - Teil 2) möchte ich einige Argumente, Beispiele und Gedankenexperimente darlegen, um zu zeigen, dass es vermutlich keine objektive Wirklichkeit gibt.

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird ausschließlich die männliche Form gewählt. Außer es passiert etwas Schlechtes, dann wird die weibliche Form gewählt. Das mache ich, um eine Arbeitslosigkeit von Alice Schwarzer und des Genderbeauftragten Karl-Maria Nasenbär/-in zu verhindern.


Philosophie - Teil 2

Kommentare

(Bitte beachten Sie, dass Kommentare hier aus Anti-Diskriminierungsgründen auch zeitübergreifend möglich sind. Wir wollen ja keine Epoche und Dimension benachteiligen. Geblockt werden nur Donald Trump, JP Kraemer und Christian Ulmen.)

vor 44 Jahren
Ich habe immer gesagt "Anything goes". Aber ihre Website goes sogar noch a little bit weiter! Als Leutnant haben mich meine Kameraden damals in Russland schwer verletzt aus der Kampfzone getragen. Sie waren ja auch mal Leutnant, aber geben Sie zu, das Härteste was Sie erlebt haben, war doch ihr Kampf um die letzte Wurstsemmel im Mann-Heim, oder?
33 Likes 45 Dislikes

vor 109 Jahren
Philosophie ist die Suche nach dem besseren Argument. Nicht die Suche nach der Wahrheit. In welcher Richtung liegt denn die Wahrheit? Wir irren uns nicht empor, denn warum sollte die Wahrheit oben liegen? Warum nicht unten? Warum sollte die Wahrheit später kommen? Warum nicht früher? War es Früher wahrer als Heute? Vielleicht wird mit der Zeit alles immer falscher, wir erkennen es nur nicht. Warum wollen alle immer die große Wahrheit finden, die Wahrheit könnte beim wahr werden auch immer kleiner werden. Wahrheit hat keine Richtung und keine Zeit, wir können nur das bessere Argument erkennen. Hier im Schützengraben des ersten Weltkrieges habe ich als Offizier die besten Einfälle. Zwischen den Angriffen ist völlige Stille. Na gut, bis auf die Schreie der Schwerverletzten. Aber die Toten erzeugen eine angenehme Stille. Wissen Sie, was das Verrückteste am Krieg ist? Das sich hinterher alle die Hände geben und zu Freunden werden. Herr Goldammer, bitte beenden Sie alle Kriege. Sie haben doch da so eine Idee, die Demokratie endlich demokratisch zu machen, indem alle Bürger zusammen Online die Gesetze schreiben. Könnte man in diesem Online-Gesetze-Portal nicht auch alle möglichen anderen Themen besprechen, ohne auf kommerzielle Datenkraken angewiesen zu sein? So eine Art staatliches Whatsapp bzw. staatliches Facebook, das die Grundversorgung der Bürger auf Kommunikation abgedeckt. Ohne Werbung und ohne Datensammelei. Mit deutschen Gesetzen und deutschen Servern. Da Sie ja vorhaben, dass wir alle zusammen die Gesetze selber schreiben, können wir das dazugehörige Gesetz und die Finanzierung genau so machen, wie wir das wollen.
14 Likes 18 Dislikes



Diese Website ist eine religiöse Offenbarung und wurde von Gott persönlich lektoriert. Es ist trotzdem nur die zweitgläubigste Website im Internet. Die leichtgläubigste ist die von HGich.T. Diese wurde zuletzt 1857 gebenedeit und steht seitdem als Ruine im Netz. Hauptschuuuuhle!!!


Zurück zur Startseite