Früher konnte man noch alles wissen.

"Früher konnte man als Einzelner noch alles wissen, aber heute schafft man das nicht mehr, wegen der Wissensexplosion."

Diese Aussage hat bestimmt jeder schon mal gehört, manchmal tritt sie auch in Kombination mit "Früher war doch alles besser" auf. Aber stimmt das? Konnte früher ein Einzelner noch "alles" wissen? Der Spiegel-Online Artikel "Antike Schriften - Jäger des verlorenen Wissens" war Anlass für mich, mal ein kleines Rechenbeispiel aufzustellen.

In der antiken Bibliothek von Alexandria lagerten ungefähr 500.000 Papyrusrollen. Umgerechnet sind das (fünf Papyrusrollen = ein Buch) etwa 100.000 Bücher. Ein heutiges Menschenleben dauert etwa 30.000 Tage. Selbst wenn man ab Geburt jeden Tag ein Buch liest (und versteht), schafft man maximal 30.000 Bücher. Damit hätte man aber gerade mal ein Drittel der Bibliothek von Alexandria durchgelesen. Auch antike Gehirne konnten also nur wenige Tropfen aus dem Bücherozean aufnehmen. Zum Vergleich: In der Deutschen Nationalbibliothek stehen ca. 18 Millionen gedruckte Bücher. [1]

Man darf also mit gutem Gewissen sagen, der Kontrollverlust einer Einzelperson über das Gesamtwissen hat lange vor der Antike begonnen. Der Wissensexplosionsurknall (und damit die Verunmöglichung von "In-meinen-Kopf-passt-alles-rein") hat wahrscheinlich schon in der Steinzeithöhle stattgefunden.

[1] Natürlich habe ich versucht, alle Bücher der Deutschen Nationalbibliothek zu lesen ("Einfach Machen!"), hier mein Erfahrungsbericht: Die ersten 5 Millionen Bücher waren die schlimmsten, und die zweiten 5 Millionen Bücher waren auch die schlimmsten, die dritten 5 Millionen Bücher haben mir überhaupt keinen Spaß gemacht, und dann habe ich ein bisschen die Lust verloren. Die interessanteste Unterhaltung hatte ich nach 17 Millionen Büchern, und zwar mit einer Kaffeemaschine.

Wer hat erraten, woher diese Sätze stammen? Da ihr, meine Leser, zu den klügsten, aber auch zu den faulsten Lesern Deutschlands gehört, die gerne einfach nur unterhalten werden wollen und nach einem mühsamen Arbeitstag mal abschalten und nicht noch ewig herum recherchieren wollen müssen tun, sage ich es euch: Es ist aus der BBC Fernsehserie "Per Anhalter durch die Galaxis" aus dem Jahr 1981. Wie bitte? So etwas kreatives, liebevolles und wortwitziges aus England??? Yes! Da "Erstaunen" hier nicht mehr ausreicht, bin ich gezwungen zum Wort "Verblüffung" zu greifen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien vor vielen Jahren schon bei mir auf Google+ und große Teile des damaligen Artikels waren rückblickend einfach nur schlecht. Diese Teile habe ich hier weggelassen. Im Moment ist der Artikel ca. mittelschlechtgut.

Ernest Hemingway sagte einmal, die erste Fassung ist immer Scheiße. Meine Antwort: Nur wer uns in die Scheiße reingeschrieben hat, weiß, wie er uns wieder herausschreiben kann. Er hat auch gesagt, ein guter Schriftsteller braucht ein Radar, das einen erkennen lässt, wann man Mist geschrieben hat. Meine Antwort: Am besten funktioniert das Radar, wenn man seinen Text eine Woche oder ein Jahrzehnt liegen lässt und dann den Text wie ein Fremder liest. Da ich an sehr vielen Artikeln und Kommentaren parallel schreibe, ist das kein Problem. Wer jetzt einwendet, wie soll ich denn z. B. einen einzelnen Roman parallel schreiben, dem würde ich antworten: Fange alle deine 30 Kapitel im Buch gleichzeitig an. Füge deine Ideen dort ein, wo sie passen, oder auch, wo sie nicht passen. Sieh es als Herausforderung, die Kapitel später logisch zusammenzuführen. Gib deinem Leser klare Anweisungen, motiviere ihn, zeig ihm den Kundenauftrag, zeige auf die Flip-Chart, weise ihn in die UVV-Sicherheitsbestimmungen ein, mache vor, erkläre, lasse nachmachen, üben, und noch eine Lernerfolgskontrolle hinterher, dann Berichtsheft schreiben lassen und Ausblick auf den nächsten Kundenauftrag geben, danach aufräumen und verabschieden. Seht ihr, dass war grob die Praktische Prüfung beim Meister Teil IV, passt hier überhaupt nicht rein, aber das ist die Herausforderung, es irgendwie doch "hinzukriegen". Wenn es gar nicht geht, einfach streichen, löschen, weg damit. Fast jeder Text wird besser, wenn man weglässt. Viel schreiben kann jeder und die KI ist im vielschreiben sowieso unschlagbar und vermüllt und vertrivialisiert uns das Internet.

Der Schriftsteller Andreas Eschbach hat auf seiner Website in der Rubrik "Übers Schreiben" alles Wichtige "Übers Schreiben" dargelegt. Ich habe für mich festgestellt, dass ich, wie der Hauptdarsteller in dem Buch "Das Parfüm", die Stile der Schriftsteller ("Schriftsteller" sehr weitgefasst) in mich aufgenommen habe und nun meinen eigenen Stil besitze, den ich kaum noch ändern kann. Charlotte Link oder Stephen King schreiben im Großen und Ganzen auch immer gleich, sie haben ihren Stil gefunden und ziehen ihn durch.

Um Schriftsteller zu werden, braucht man den inneren Wechsel vom Konsument zum Produzent. Man muss schreibend produzieren wollen. Für wen Schreiben eine Qual ist, der ist noch im Konsumentenmodus und schreibt den üblichen, todlangweiligen Roman, eine Schlaftablette in Papierform, die keiner ließt. An den Regalkilometer der Langeweile muss nicht noch ein Buch gestellt werden. Wer langweilige Romane schreibt, kommt nicht in den Himmel (steht in der Bibel, ungefähr in der Mitte). Manchmal kaufe ich mir trotzdem so einen Roman, denn mein großer, alter Eichenholztisch wackelt ein bisschen.

Man könnte z. B. die Romane von lange verstorbenen Autoren (mindestens 70 Jahre schon tot) weiterschreiben. Der Anfang der Bibel gefällt dir nicht? Das Ende von Mein Kampf gefällt dir nicht? Der Mittelteil von Politeia gefällt dir nicht? Schreibs einfach in deinem Stil weiter, schreib es um, schreib es anders, schreib es guter, schreib es steuerfreier, schreib ein happy end, natürlich unter Beachtung der juristischen Regeln (Urheberrecht, Gemeinfreiheit, UN-Charta, Haager Landkriegsordnung usw.) Es ist der Größenwahn des kleinen Mannes, der sich erhebt und die Bibel richtig zu Ende schreiben will ("Darf der das?", "Kann er das?", "Einfach Machen!").

Kreatives-Schreiben-Seminare sind meines Erachtens nutzlos. Die Teilnehmer wollen konsumieren, sie wollen sogar Seminare konsumieren, und erwarten danach Produktion. Sie warten darauf, dass irgendeine Idee im Äußeren der Beginn ihres Romanes ist. Sie warten darauf, dass irgendeine Idee im Äußeren sie beim Romanschreiben durchhalten lässt. Sie halten sich an die Regeln (Keine Füllwörter! Keine Zeitmaschine! Sich niemals selbst in die Geschichte schreiben! Wenig Ausrufezeichen! Lektorat!) und schaffen damit einheitliche Massenware statt Kunst. Wer hat dem Maler Salvador Dalí wohl gesagt, hey schau mal, deine zerflossene Uhr, die braucht noch ein Lektorat, die malen wir jetzt mal "korrekt". Kunst wird nicht lektoriert. Und insgeheim will doch jeder als Künstler und nicht als schnöder Romanschreiber (an-)erkannt werden, oder?

Zitat: "Was Kunst ist, legt immer die Anzahl an Minuten pro Jahr fest, die man freie Zeit hat, über Kunst nachzudenken. Der Durchschnitt ist 3 Minuten, dementsprechend sieht das aus, was als Kunst akzeptiert wird." (aus der amtlichen Bekanntmachung der Kunstdefinitionsbehörde vom 01.07.1998, Unterabschnitt 5.1)

Die meisten Autoren von Romanschreibregelwebsiten, die ich gelesen habe, suggerieren, Romane schreiben ist wie eine Rechenaufgabe, füge dieses und jenes hinzu, addiere, subtrahiere, potenziere. Diese so buchstaben-berechneten Romane langweilen, wie Rechenaufgaben nun mal langweilen. Der einzige Roman, der mich noch interessiert, ist der Weltenroman, ein Roman, an dem alle 8 Milliarden Erdenbürger gleichzeitig schreiben. Ich werde ihn zu gegebener Zeit fertigstellen. Aufgrund der vielen Störungen an Aufzügen in München ("die höchsten Mieten, aber die ältesten Aufzüge"), kann sich das noch etwas hinziehen. Roman schreiben ist (ein bisschen) wie Kuchen backen, denn einen schlecht schmeckenden Kuchen kann man nicht hier und da noch ein bisschen ergänzen, er wird immer noch schlecht schmecken, man muss ihn komplett neu backen, immer wieder, und weiß beim Backen trotzdem nicht sicher, wie er schmecken wird. Und ob er wirklich schmeckt, beurteilen andere. Wer nur Rezepte konsumiert und danach backt, wird einen Geschmack erzeugen, den Tausende andere Bäcker auch erzeugt haben. Am besten schmeckt mir ein Kuchen, bei dem der Bäcker seeeeehr viel Zeit beim Nachdenken über den Kuchen und wenig Zeit beim Backen des Kuchens verbracht hat. Hier endet meine Metapher vom Kuchen, aber der Text geht noch weiter.

Ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen Konsument und Produzent ist der Dokumentarfilm von Georg Stefan Troller "Begegnung im Knast" von 1981. Dort werden in den USA, zur Prävention und Abschreckung, kleinkriminelle Jugendliche mit einem Bus in ein Gefängnis gefahren und bekommen von echten Schwerstkriminellen, die teilweise zu lebenslänglich verurteilt sind, eine intensive, verbale Lektion erteilt. Aus den Gefangenen bricht, trotz der extremen sozialen Kälte in der sie leben, die Poesie nur so heraus. Was für starke Texte. Intensiv. So muss ein Roman sein. Die Gefangenen können nur noch einmal in ihrem Leben etwas sagen, dasssss [2] gehört wird. Sie nutzen die kleine Chance, anderen zu helfen, obwohl sie selbst keine Chance mehr bekommen werden. Die Eisenstäbe können sie nicht verbiegen, aber ihre Worte und Gedanken können eventuell in den Jugendlichen nach draußen gelangen und weiterleben. Die Gefangenen sind wie ein Bergsteiger, der auf dem Mount Everest oben angekommen ist, und merkt, er wird wegen Kraftlosigkeit nicht mehr herunterkommen. Einen lauten Ruf kann er noch den Berg herunterschreien, dann schließt sich das kalte Gefängnis für immer. Den Bruder von Reinhold Messner hat genau dieses Schicksal ereilt, 1970 im Himalaya am Nanga Parbat. Günther Messner starb, Reinhold Messner lebte weiter.

[2] Warum "dass" mit 5x "s"? Um das Innenleben der Innensassen auszudrücken. Ein Gefangener (es ist der ältere, schwarze Gefangene, der im Film ganz zuletzt spricht) sagt (frei übersetzt), hätte er einen Weltuntergangs-Knopf, er würde ihn drücken und die ganze Welt in die Luft sprengen. Es ist diese Wut im Bauch, wegen der Machtlosigkeit gegenüber den unabänderbaren Regeln, von mir minimal-beispielhaft-reduziert auf die Regelfrage: Soll man "das" mit einem "s" oder mit zwei "s" schreiben? Diese Wut im Bauch lässt einen die grammatischen Regeln zertrümmern und "dasssss" schreiben. Wer die Wut im Bauch der Leute nicht ernst nimmt, wird die Welt nicht ändern, sondern sich verwundert die Augen reiben, warum denn schon wieder die nächste Katastrophe vor der Tür steht. Jetzt habe ich zwar erklärt, warum ich "dasssss" geschrieben habe, und "man soll sich als Autor doch nicht erklären", aber mir sagen viele Leute, Stephan niemand versteht deine Website und deine Andeutungen, die vielschichtigen Ebenen und die Fakten, die hinter den satirischen Anspielungen stecken. Also ist eine kleine Anschubfinanzierung erlaubt. Helge Schneider hat auch am Anfang der Karriere seine Kritiken selber geschrieben ("er ist sehr, sehr gut"), hat sich selber auf Video aufgenommen, um diese Videos persönlich beim WDR abzugeben, um ins Fernsehen zu kommen, um wiederum damit Leute in seine Konzerte zu locken. Eine Anschubfinanzierung brauchte auch Jesus, ein einfacher Mann, der eine Botschaft für uns hatte. Aber wer hört einem kleinen, einfachen Mann zu? Also dachte er sich aus, er wäre von Gott geschickt worden. Auf einmal hörten ihm alle zu. Gott war eine Erfindung von Jesus, aus der Not heraus. Jesus schuf Gott, nicht umgekehrt. Und er trug die Botschaft mit sich, wenn wir uns alle zuhören würden, bräuchten wir Gott nicht mehr. Wir können Gott in der Welt nicht finden, weil wir ihn, wie Jesus, erfinden... und das ist allzu menschlich.

Ein Leser schrieb mir: "Aber Stephan, ich habe abends keine Kraft zum Schreiben, ich bin kaputt von der Arbeit." Das liegt eventuell daran, dass du den ganzen Tag Willensvortäuschung betrieben hast und abends gar nicht mehr weißt, was ein echter, eigener Wille ist. Der Philosoph Reinhard K. Sprenger schrieb einst das Buch "Mythos Motivation", das er vereinfacht mit "Alles Motivieren ist Demotivieren" zusammengefasst hat. Dem stimme ich zu, denn wenn der Chef kommt mit "Motivation", meint er immer "Ich will, dass ihr wollt, was ich will". Entweder schaltet man dann in den Modus "Willensvortäuschung" ("Ja Chef, ich will Überstunden machen", "Ja Chef, ich will in das totlangweilige, nutzlose Meeting", "Ja Chef, ich will die unangenehme Drecksarbeit machen", "Ja Chef, ich will gerne dein Depp sein") oder in den Modus Leistungsvermeidung.

So, der experimentelle Text wird schon mal hochgeladen, wird aber bald nochmal abgeändert und deutlich erweitert. Ich habe ihn absichtlich erstmal nach ganz unten in meine Website geschoben.


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